Coming out - coming home

Ein auffällig zentrales Thema bei vielen Treffen sind die Erzählungen und Erörterungen zu „meinem Coming –out“.

 

Es sind immer Geschichten, die nur das Leben schreiben kann:

Viele schöne, einige leider auch traurige, aber auch hin und wieder lustige und kuriose, aber immer irgendwie bewegende Erfahrungen.

Die Eröffnung der eigenen Homosexualität gegenüber der Familie, Freunden, Arbeitskollegen und dem weiteren sozialen Umfeld sind immer die zentralsten Erfahrungen, die jeder von uns gemacht hat oder machen kann.

Sie ist immer das Tor zu einem anderen Leben. Und selbst wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich woanders eine Neue.

 

Zunächst einmal können wir dankbar sein, in einem Land zu leben, in dem wir uns nicht verstecken müssen und in dem sich doch zunehmend die Ansicht durchsetzt: „Wer denn jetzt anders ist, ist immer eine Frage der Sichtweise.“

Nicht zuletzt hängt die Auffassung unseres Umfeldes auch ganz massiv von uns selbst ab und wie wir uns in die Gesellschaft einbringen.

 

So konservativ viele Homosexuelle die Landbevölkerung im allgemeinen (und das mag regional auch teilweise seine Berechtigung haben) einschätzt: Die (überraschend) vielen positiven Geschichten vom Coming-out vom Land und Dorf fußen unserer Erfahung nach vielfach auf unserer Authentizität und Bodenständigkeit.

Denn ganz oft ist das Fazit: „Es war alles gar nicht (so ) schlimm.“

 

Die Erfahrungsberichte, die wir nun nach und nach hier einstellen wollen, sollen denjenigen Mut machen, die diesen Schritt noch vor sich haben, sie sich fragen:“Soll ich – oder soll ich nicht, should I stay or should I go?“

Vielleicht findet der ein oder andere sich irgendwo in dem Erzähler, in seinen Lebensumständen oder sonstigen Zusammenhängen ein Stück weit wieder und kann hoffentlich hilfreiche Parallelen zu seinem eigenen Leben ziehen.

 

Wir wünschen allen Lesern die notwendige Selbstakzeptanz, Mut und ein offenes Umfeld!

 


Should I stay - or should I go?

Ok – fangen wir mal mit einer Geschichte, die –aus meiner Sicht- wenig spektakulär ist an.

Für mich war das immer ein beruhigender Faktor. Ich bin ein Mensch der ständige große Aufregungen nicht braucht.

Vielleicht habe ich damals mit meinen 33 Jahren ohnehin niemanden mehr groß überrascht.

Immer Single, oft andere Interessen. Es gibt viele Punkte die in den Menschen um uns den Verdacht zum Keimen bringt: „Na der könnte doch auch....“

Aber Outen? Wozu? Ich sah nicht die Notwendigkeit mir ohne konkreten Anlass Schwierigkeiten zu bereiten.

Auf dem Dorf groß geworden, katholisch erzogen, solider Beruf und ein solides Umfeld in denen Schwule (noch) die totalen Exoten waren.

Nein, das war absolut nicht mein Ding mir das ganze Leben durcheinander zu bringen, weil ich anders tickte, und wer weiß? Vielleicht kommt dann ja doch noch die Frau, die die Hormone zum Toben bringt?

Sie kam aber nicht – irgendwie hatte ich es auch nicht erwartet und auch gar nicht gewollt.

 

Statt dessen kam „ER“.

Der Freund / Kumpel –wie man ihn auch „verkaufte“- mit dem man immer mehr unternahm, oft das ganze Wochenende verbrachte.

Schmetterlinge, Blitz und Donner, Hagelschlag – und die Erkenntnis:

 

Ewig geht das so nicht weiter. Ich wollte ihm ja auch gerecht werden und ihn nicht ständig „unter dem Deckel halten.“

Die erste Liebe kann einem ganz schön auf die Sprünge helfen – und darüber bin ich heute sehr froh, und ihm immer noch dankbar. Dass er mir immer zugehört hat, über Ängste und Nöte, die er selber schon seit Jahren nicht mehr kannte. Dass er mich nicht unter Druck gesetzt hat und mir stets half, dass wir uns bei jeder neuen Vorstellung optimal präsentierten.

 

Die ersten Schritte waren aber immer ein Alleingang. Erst holprig und stolprig und mit gehörigen Ängsten.

Ganz ehrlich: Ich wusste nicht was auf mich zu kommt.

Ganz klassisch: Die eigenen Eltern als erste große Hürde. Mensch, da hing so viel von ab!

Tausend Gedanken und davon nur die Schlimmsten: Tränen Rausschmiss, alles abbrechen – wegziehen?

 

Ich hatte meine Eltern ja so unterschätzt.

Klar; Begeisterung sieht anders aus, aber die Reaktionen waren eine echte Befreiung und irgendwo die Absolution, die zwar fragwürdig ist, die man sich aber doch irgendwie erhofft.

Vom Vater („Na ja, Du bist alt genug, Du musst es ja selber wissen.“), über die Mutter ( „DU musst doch glücklich werden.“), über den Bruder („... war das jetzt alles? Dann geht’s ja...“)

bis zur Schwester („... ich hab’s ja gewusst.“)

Mit Abstand betrachtet steckt hinter jeder Reaktion die gesündeste Art für jeden mit meinem Coming-out fertig zu werden. Das mag sich zwar nach Kompromiss anhören aber im Grunde ist die Denkweise doch bei allen Menschen ähnlich:

Was wünsche ich mir vom anderen, wie sieht die Realität aus und wie kriege ich alles aufeinander?

 

Dieses Wissen hat mich stärker gemacht. Von niemandem aus meinem Umfeld musste ich Ablehnung oder gar Anfeindungen erfahren. Mit meinen engsten Freunden habe ich das direkte Gespräch gesucht, bei vielen anderen den richtigen Moment abgepasst, um in das Gespräch ein „also mein Freund und ich... (ok, heute ist es „mein Ex-Freund und ich...)“ einzuflechten.

 

Ich wohne auf dem Land und da wohne ich wirklich gerne.

Ich bin nach wie vor in den Bereichen aktiv in denen ich es vor der Eröffnung auch war und habe stets darauf geachtet, das ich für mich und andere so gut wie eben möglich „konstant“ bleibe.

Ich war mir immer darüber im Klaren, dass ich für die Akzeptanz, die ich erwarte, natürlich meinen Teil dazu tun muss.

Ich hoffe und glaube, dass viele Menschen um mich herum mein „Anders-sein“ auch als Bereicherung betrachten.

 

Verfasser:

Klaus, 40 J. / Westfalen